Im Hause meiner Gastgeber wird der Geburtstag des Vaters vorbereitet. Es ist schon der zweite Geburtstag, den er in diesem Jahr feiert, denn in den Wirren der georgischen Geschichte fälschte man das Datum seiner Geburt. Um sicher zu gehen, dass er keinen Anlass zum Feiern verpasst, zelebriert er seine Geburt eben zweimal im Jahr. Georgische Logik. Ihm zu Ehren wird in der einfach eingerichteten Küche gekocht, was das Zeug hält: vom Patschuri über das Auberginengemüse und die Käsetaschen bis zum abschliessenden deftigen Käserisotto. Als Krönung wird - süß, sahnig und fettig - eine dieser unvergleichlichen Torten gebacken, die an das ungenierte Schlemmen in der Kindheit erinnern. Besonders schöne Exemplare dieser Sünden zieren, von Hausfrauen kunstfertig gebacken, die Auslagen georgischer Konditoreien.
Die traditionelle georgische Tafel kennt Regeln, in die der Gast ohne Umschweife eingeführt wird: das Mahl wird "moderiert" von einem Tamada. In regelmäßigen Abständen erhebt er das Glas und legt das Thema für die Gesprächsrunde fest. Der Gast ist jetzt gefordert: wird ihm etwas einfallen, das weder banal noch dozierend ist? Wird er sich als Redner behaupten und seine Worte zu Themen wie Frieden, Zukunft und Kinder Anerkennung finden? Ein guter Redner gewinnt in Georgien schnell Ansehen. Das Reden ist verbunden mit dem Wein. Wein wird als Getränk der Sinne betrachtet, als Anregung zum Denken. Nur einem unbeholfenen, ausländischen Gast kann es einfallen, ohne Aufforderung des Tamada mal eben so an seinem Glas zu nippen.
Worauf der Gast niemals vorbereitet wird, ist die fast schon an Körperverletzung grenzende Menge von Speisen, die ihm vorgesetzt wird. Kaum hat sich der Tisch etwas geleert, glaubt man, jetzt alles probiert zu haben, da kommt schon das nächste Gericht. Ein richtiger georgischer Gastgeber ist erst zufrieden, wenn der Gast um Gnade bittet.
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